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Impressionen                                                                                                                          

Der Tag ist noch jung.

Kathi hat sich entschlossen heute in die nahegelegene Kreisstadt zu fahren. Sie parkt ihren Wagen auf dem am Stadtrand gelegenen Parkplatz, will sich von einem der Zubringerbusse hinein in die Innenstadt bringen lassen.

Der Fahrkartenautomat verschluckt gierig das Markstück, spuckt dafür die Erlaubnis aus, bis abends 23.59 Uhr den Hin- und Rücktransport in und aus dem "Einkaufsparadies" in Anspruch zu nehmen.

An der Haltestelle wartet bisher nur eine ältere Dame, deren extravagante Kleidung darauf schließen läßt, dass sie zur potentiellen Kundschaft zählt. Sie würdigt Kathi keines Blickes.

Es ist ein lauer Hochsommervormittag, Kathis Schuhwerk ist für einen längeren Fußweg geeignet, so entschließt sie sich, nach einem kurzen Blick auf den Fahrplan, auf die weitere anonyme Gesellschaft dieser Dame zu verzichten und die etwa zehnminütige Dauer eines Spazierganges einer Fahrt in einem stickigen Bus vorzuziehen. 

Ihr Weg streift eine vielbefahrene Straße, an deren Rand das imposante Polizeigebäude der Stadt scheinbar darüber wacht, dass die Autofahrer hier keine Ordnungswidrigkeiten begehen; kein Obdachloser wagt es in dem gegenüberliegenden kleinen idyllischen Park auf einer Bank, zugedeckt mit Zeitungen, zu nächtigen.

Ihr begegnet ein alter, hemdsärmeliger, freundlich lächelnder Mann mit einer Plastiktüte in der Hand, die sicher Frühstücksbrötchen und den Tagesaufschnitt enthält.

Zur linken sind jetzt Reste der alten Stadtmauer zu erkennen, efeubewachsen; zur rechten dreht sich ein Wasserrad -Energielieferant einiger Haushalte - dessen vollgesogene Holzschaufeln unermüdlich das in der Sonne glitzernde Nass transportieren und ein beruhigendes Plätschern erzeugen.

Die ersten Geschäfte sind zu sehen, ein Kiosk, ein Friseursalon, eine Fahrschule.

Ein athletisch aussehender junger Mann kommt ihr entgegen. Braungebrannt ist er sich seiner Wirkung voll bewusst. Ein kurzer Blick, ein kurzes Sichverstehen, und ihre Wege trennen sich wieder.

Die Fußgängerzone ist trotz der Hitze menschenüberfüllt. Kathis erster Weg führt in einen kleinen Tabakwarenladen. Auch dieser ist menschenüberfüllt. Drei Verkäuferinnen stehen hinter der Theke und sorgen für einen reibungslosen, schnellen Ablauf. In einer Ecke, ebenfalls hinter der Theke, steht ein etwa siebzigjähriger, stattlicher Mann, wohl der Inhaber und macht nichts anderes, als jeden Kunden mit den Worten "Auf Wiedersehen, auf Wiedersehen !" zu verabschieden. Seine Stimmer klingt dabei militärisch und hoch.

Vor der Tür sitzt ein Stoffpapagei auf einer Stange und krächzt ebenfalls in kurzen Zeitabständen "Beehren Sie uns bald wieder, beehren sie uns bald wieder !" Dies wirkt so komisch, dass Kathi schmunzelnd den Laden verläßt und für einen kurzen Augenblick überlegt, ob drinnen der Mann echt, oder eine Stoffattrappe war.

Auf einer der Bänke mitten im Zentrum des pulsierenden Lebens sitzt die stadtbekannte Alte, die dort fast immer anzutreffen ist, sitzt dort, dick, breitbeinig, zahnlos, mit strähnigen Haaren. Viele kennen sie, sprechen sie an, oder sie spricht ihrerseits die Vorbeieilenden an, erntet fast immer ein liebes Wort, sei es auch nur: "Hab`heute keine Zeit, Nellie. Ein ander Mal !"

Kathi betritt eines der Billigkaufhäuser. Dort herrscht eine angenehme Kühle. Menschen unterschiedlichster Nationalität scheinen sich hier aufzuhalten. Sie hört französische Sprachfetzen, italienische, portugiesische, türkische. Zielstrebig gelangt sie zur Bademodenabteilung. Dort fällt ihr ein junges Paar auf. Sie wuchtig, vollbusig, wohl Deutsche. Er schlank, eher klein, offenbar Südländer. Ein kleiner Junge sitzt im Sportwagen. Die Frau kramt an einem Ständer, hat zwei Badeanzüge gefunden, die ihr zusagen und ruft ihrem Mann zu: "Schau, die sind doch schön, oder? Ich geh` mal rüber und probier` die an." und deutet dabei auf die etwas entfernt liegenden Umkleidekabinen. Kind und Mann wollen sich schon in ihr Schicksal ergeben, da fällt der Frau noch etwas ein: "Nein, nein, du kannst nicht hier stehen bleiben ! Wenn du hier stehen bleibst, dann fängt der Kleine an zu schreien." Der Kleine guckt seine Mutter aus großen Augen an und, als hätte er nur auf dieses Stichwort gewartet, beginnt er vollkommen hysterisch zu schreien. Der Vater versucht nun entnervt sich mit dem Kinderwagen durch die engen Gänge zu quetschen, was ihm nicht gelingt. Seine Frau seufzt und meint, mit einem Blick zu Kathi: "Vater werden ist nicht schwer, Vater sein dagegen sehr !" Dann nimmt sie sich energisch der Sache an, schubst ihren Mann zur Seite und transportiert Kind und Wagen dorthin, wo sie glaubt, dass sich der Junge wohlfühlt, während ihr Mann schuldbewußt hinterhertrottet.

 

Nachdem Kathi in der Bademodenabteilung fündig geworden ist, fragt sie eine der Verkäuferinnen: "Haben sie hier Tatoos?" "Was bitte?" "Ich meine diese Tätowierungen, die man aufkleben kann." Das Gesicht der Verkäuferin erhellt sich: "Die hatten wir mal, vorne bei Schreibwaren, aber momentan sind keine mehr da." Kathi bedankt sich und verläßt kurze Zeit später das Kaufhaus.

Die Menschen in der Fußgängerzone tragen farbenfrohe luftige Sommerkleidung. Die Straßencafes bieten sich an, das bunte Treiben zu beobachten. Ein Drehorgelspieler läßt ein wenig Nostalgie aufkommen.

Kathi betritt ein Schreibwarengeschäft, sie fragt an der Kasse nach bestimmten Formularen, wird von der Kassiererin ans Ende des schlauchähnlichen Ladens geschickt, läßt sich dort die Formulare aushändigen, fragt den Verkäufer, diesmal diplomatischer vorgehend: "Haben sie diese Aufkleber, die wie Tätowierungen aussehen?" "Sie meinen Tatoos? Die haben wir vorne an der Kasse!" Vorne an der Kasse sucht sie sich unter verschiedenen Motiven ein Kärtchen mit Rosenmotiven aus, läßt sich von der netten Verkäuferin noch belehren, die wohl den Zweck der Verwendung durchschaut hat, dass die Haut unter diesen Aufklebern nicht bräune, zahlt und verläßt das Geschäft.

 

Auf dem Rückweg zur Bushaltestelle durchquert sie den Wochenmarkt, kann dem verlockenden Angebot der feilgebotenen Waren nicht widerstehen und ersteht eine Tüte herrlich roter Kirschen. Ein Stand mit riesigen, dekorativ drapierten Sonnenblumen erinnert Kathi daran, dass die Tage bereits wieder kürzer werden.

An der Haltestelle trifft sie wieder auf die "anonyme Dame", deren Einkaufstüte Garant dafür ist, dass die Dame nicht nur zur potentiellen Kundschaft der exclusiven Modehäuser der Stadt zählt, sondern zur tatsächlichen; fährt gemeinsam mit ihr und anderen Rückkehrern, in deren Leben sie für  kurze Zeit eintaucht, indem sie unfreiwillig Gesprächsfetzen der in ihrer unmittelbaren Nähe sitzenden belauscht, zu dem an der Peripherie gelegenen Parkplatz zurück, wo sich ihre Spur verliert.

 

 

 

Winterspaziergang 

 

Es ist nur ein kurzes Stück, das man da im Dunkeln am Bach entlang gehen kann. Aber, man kann es verlängern, indem man hinauf geht und hinunter, und hinauf und hinunter... Das Wasser plätschert friedlich an den meisten Tagen. An den übrigen tobt es mit dem überhängenden Gestrüpp. 

Scheinbar ist schon etwas von dem Neuschnee geschmolzen, der in den letzten Tagen das Land so unschuldig rein werden ließ; jedenfalls heute springt das Wasser nur so dahin.

Es verfängt sich in Strudeln, befreit sich wieder und fließt weiter, talabwärts, dem großen Bruder entgegen.

Der Schnee ist pulvrig. Er stiebt auseinander, wenn man mit dem Fuß hineinstößt.

Irgendwo im Dunkel verliert sich der Weg. Man ist genötigt, wenige Meter, nachdem das Licht der letzten Straßenlaterne seine Kraft verliert, umzukehren, in die Welt zurückzukehren... 

 


 

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